Biografie

Eine Schriftstellerin auf der Suche nach Heimat

Geboren wurde Eugenia Senik (mit bürgerlichem Namen Yevheniia Senikobylenko) 1986 im ostukrainischen Luhansk. Einige Monate vor ihrer Geburt, im selben Jahr 1986, geschah die Katastrophe von Tschernobyl, die die Umsiedelung mehrerer Hunderttausend Menschen notwendig machte.

Nach dem Studium der Ukrainischen Philologie, Anglistik und allgemeinen Literaturwissenschaft sowie einem Auslandssemester in Warschau verfasste Eugenia Senik 2007 ihren ersten größeren Text: „Przepraszam, навчи мене мовчати“ (Entschuldigung [poln.], lerne mich schweigen). In einer von Bildern geprägten, poetischen Sprache erzählt die Autorin eine Liebesgeschichte, in der sie auch Zeugnis ihrer Liebe zur Sprache ablegt.

2009 bis 2010 verbrachte Eugenia Senik ein Jahr als Fille au-pair in Deutschland. Ihre Erfahrungen, die sie während dieses Jahres gemacht hatte, verarbeitete sie im 2016 erschienenen Roman „Країна У, або казки чужим дітям“ (Das Land U oder Märchen für fremde Kinder). Aus der Sicht der Protagonistin Maria schildert sie auf sehr einfühlsame und intime Weise die Gefühle eines jungen Mädchens in einer ihr fremden Umgebung und einer Familie, die für sie keine werden sollte.

Nach dem Jahr in der Fremde zog Eugenia Senik in die Ukraine zurück, diesmal ganz in den Westen des Landes, nach Lviv (Lemberg). Hier verfasste sie den Erzählband „Письмовий стіл“ (Der Schreibtisch), in dem sie sich in leichter und unverbindlicher Art Gedanken über soziale Fragen macht, mit denen sie auf ihren Reisen konfrontiert wurde. Daneben arbeitete sie als Deutschlehrerin und wirkte bei den Dreharbeiten zweier Filme des Regisseurs Taras Khymch über die ukrainische Widerstandsbewegung während und nach dem Zweiten Weltkrieg mit.

In Lviv machte sie ihre erste Begegnung mit der Hilfsorganisation Emmaus, die in der Stadt ein Obdachlosenheim führt und in welchem sie bei der Betreuung der Obdachlosen mitarbeiten konnte. Ein Emmaus-Mitarbeiter aus der Schweiz, den sie in Lviv kennengelernt hatte, vermittelte ihr eine Arbeitsstelle als Freiwillige im Obdachlosenheim in La Chaux-de-Fonds, in der französischen Schweiz. Hier konnte sie zwischen 2012 und 2019 mehrere Monate verbringen. Als Resultat dieser Aufenthalte entstand der Roman Будинок із сірників, взятих із різних коробок (Das Streichholzhaus), der 2019 mit Illustrationen des Lemberger Künstlers Serhii Kostyshyn erschienen ist. Das Streichholzhaus steht stellvertretend für das zerbrechliche aber standhafte Heim seiner Bewohner. Jedes einzelne Streichholz des Streichholzhauses – jeder einzelne Bewohner des Heims hat eine Funktion, die für die Stabilität des Gebäudes unentbehrlich ist.

Schon früh begann sich Eugenia Senik für die jüdische Kultur und Geschichte zu interessieren und absolvierte mehrere Kurse auf diesem Gebiet – zur Zeit verbringt sie ein Studienjahr am Europäischen Institut für jüdische Studien Peideia in Stockholm. 2016 weilte sie gemeinsam mit Sofia Andruchowytsch und Andrij Ljubka am Agnon Literary Center in Butschatsch, Ukraine, wo die drei jungen ukrainischen Autor/-innen die Beiträge für den Samuel Joseph Agnon gewidmeten Erzählband „Ключ у кишені“ (Der Schlüssel in der Tasche) verfassten.

Ihr neuster Roman, an dem Eugenia Senik derzeit arbeitet, basiert auf der Biographie Anna Popovychs, einer Partisanin im Zweiten Weltkrieg. Neben den Verweisen auf die historischen Tatsachen zieht die Autorin Parallelen zum heutigen Krieg in der Ostukraine. Ihre Schreibarbeit kann sie u. a. in verschiedenen Literaturresidenzen in der Schweiz und in Frankreich erledigen.

Seit dem Ausbruch des Krieges in der Ostukraine 2014 ist es Eugenia Senik nicht mehr möglich, in ihre ehemalige Heimat in der Ostukraine zurückzukehren, die für sie nun zu einem fremden Ort geworden ist. Der Verlust der Heimat und die Suche nach einem neuen Zuhause werden zum zentralen Topos in ihren Werken. Sehr unmittelbar drückt sie dies in der kurzen Erzählung „Шукай свої двері“ aus (Suche deine Tür, deutsche Übersetzung):

„[...] Einen nach dem andern wechselte ich die Schlüssel, eine Tür nach der andern schloss ich damit auf. Ich gewöhnte mich an den
Gedanken, dass die Veränderung von nun an zum Beständigsten in meinem neuen Leben werden sollte. [...]
Ich bin wie vom Gedanken besessen, plötzlich auf jene Tür zu treffen, an einem ganz anderen Ort, in einer anderen Stadt, einem anderen
Land, oder einem anderen Leben. Sobald ich sie gefunden habe, werde ich auch die Ruhe wiederfinden.“